Das Organsystem – Die viscerale Osteopathie

Die viscerale Osteopathie untersucht und behandelt die inneren Organe und deren umliegenden und versorgenden Strukturen. Auch im Organbereich kann es zu Bewegungseinschränkungen kommen. So können beispielsweise Fehlfunktionen der Organe zu Fehlhaltungen im Bewegungsapparat führen. Der Fokus dieses wichtigen Bereiches in der Osteopathie liegt daher auf der Beziehung von inneren Organen zum Gesamtorganismus. Hier besteht ein hochinteressanter osteopathischer Ansatz für die Behandlung des Bewegungsapparates.

Viele Patienten mit Problemen im Bereich der Organe (Lat.: die Viscera) werden in Arztpraxen mit Schmerzen und allgemeinem Unwohlsein vorstellig, ohne das eine Ursache für das Leiden gefunden wird. Sie werden dann als „funktionielle Patienten“ kategorisiert und fühlen sich unverstanden oder nicht ernst genommen.

Schon der Begründer der osteopathischen Idee, Dr. A.T. Still D.O. hat die Beziehung zwischen dem Bewegungsapparat und den Organen (Viszera) als einen Grundpfeiler des Konzepts der Osteopathie vorgestellt. Zu Anfang hatte diese Beziehung für die osteopathische Praxis nur in einer Richtung Bedeutung: Es wurde versucht, vom Bewegungsapparat aus die Funktion der Organe zu beeinflussen und zu verbessern. Die Behandlung der Organe steckte zu Stills Zeiten noch in den Kinderschuhen und spielte keine große Rolle. Das mit der Verbreitung dieses Konzepts verbundene Bekanntwerden der Osteopathie in Frankreich hatte großen Einfluss auf die Entwicklung der visceralen Osteopathie. J.P. Barral D.O. und J. Weischenck D.O. stellten Modelle vor, womit sich die Osteopathie mit einem gleichwertigen visceralen Pfeiler vervollständigte.

Der Fokus dieser Behandlungsmethode liegt also auf den Beziehungen von inneren Organen zu dem Gesamtorganismus. Normalerweise kann ein Organ ohne externe Hilfe und ohne räumliche Bewegung im Bauchraum seine Position halten. Ein Organ wird als autonom beschrieben, wenn die eigene Elastizität und Eigenbewegung es dem Organ ermöglicht, sich räumlich stabil zu halten. Dieser Zustand wird ständig durch innere und äußere Einflüsse gestört, durch das Funktionieren der Selbstheilungskräfte aber immer wieder hergestellt. Beginnt ein Organ seine Position zu verlieren, z.B. wenn es zu einer Senkung kommt (z.B. häufig nach Schwangerschaften), spielen verschiedene Mechanismen des Körpers eine wichtige Rolle dabei, das Organ zu halten. So kann es sein, dass der Körper den Bewegungsapparat nutzt, um ein Organ zu stabilisieren (es „hängt“ sich an den Bewegungsapparat) oder über Bewegung zu dynamisieren. Das führt aus Sicht der Osteopathie zu Belastungen und kann sich in verschiedenen Regionen des Körpers bemerkbar machen.

Die Osteopathie versteht den Menschen als eine organisch-funktionelle Einheit. Deshalb besteht häufig eine Notwendigkeit bei Problemen im Urogenitalen Bereich, diese ebenfalls manuell zu behandeln. Leider wird dies viel zu oft durch unser kulturell geprägtes Schamgefühl sowohl beim Behandler als auch beim Patienten außer Acht gelassen. Allein aus biomechanischer Sicht unterliegen die Beckengewebe großen Belastungen, wie Schwangerschaft, Geburt, Darmproblemen usw. Deshalb haben sich in den letzten Jahren in der Osteopathie Techniken entwickelt, um gynäkologische Störungen, die sich auf unterschiedlichste Art und Weise äußern können, mit sehr sanften Behandlungstechniken zu behandeln.